Spiritus für Preußen

von Joachim Bennewitz

Der Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert stellte in Preußen eine Zeit dar, für die auf wirtschaftlichem Gebiet ein spürbarer Aufschwung in der technischen Entwicklung kennzeichnend war. Die Ablösung veralteter Produktionsmethoden, Einführung wissenschaftlich fundierter Arbeitsweisen nahm einen bisher nie gekannten Umfang an. Dampfmaschinen, Schnellpressen oder Elektrizität für Nachrichtenübermittlung und Kraftumwandlung dokumentieren diese Schritte in das kapitalistische Zeitalter. In diese Zeit hinein geboren war der junge Johann Heinrich Leberecht Pistorius, der auf seine Weise Anteil an ihr nahm und sie später mit gestaltete. Geboren wurde er am 21. Februar 1777 in Loburg, einer kleinen Stadt inmitten der landwirtschaftlich geprägten Umgegend Magdeburgs.

Die Schulbedingungen in seiner Heimatstadt waren trostlos, so dass er bald bei einem seine Fähigkeiten erkennenden Kirchenmann Privatunterricht erhielt und mit zehn Jahren an die Domschule zu Magdeburg gehen konnte. Als sein früherer Privatlehrer aus Loburg 1795 an die Berliner Georgenkirche versetzt wurde, konnte Pistorius mit ihm ziehen und seine Ausbildung im Joachimsthalschen Gymnasium fortsetzen. Nach dem Abschluss im Jahre 1797 betrieb er zuerst gemeinsam mit seinem Bruder, dann auch allein, ein Materialwarengeschäft, jedoch wohl ohne großen Erfolg, denn er wechselte um 1812 die Branche und eröffnete in der Berliner Neuen Königstraße eine Branntweinbrennerei. Bald begann er Experimente, die dazu führen sollten, die Herstellung des Alkohols zu verbessern. Es gelang ihm, mit einer neuen Anlage den DestiIlationsvorgang stark zu verkürzen und zugleich Alkohol von 80% zu erzeugen. Kurz nach seinem 40. Geburtstag erhielt er das lang ersehnte Patent, das besonders durch die Möglichkeit, Kartoffeln als Grundlage für die Alkoholproduktion zu nutzen, für Preußen große Bedeutung erlangte. In den Folgejahren fanden Verbesserungen statt, ab 1830 konnte durch die Kombination mit der Dampferzeugung die Ausbeute weiter erhöht werden. Preußen avancierte durch diese Erfindungen zu einem beachtlichen Produzenten für den Weltmarkt und Berlin zum Hauptsitz des Spiritushandels.
1821 hatte er das Rittergut Weißensee erworben mit der Absicht, die Früchte anzubauen, die für die Alkoholproduktion benötigt wurden. Damit residierte hier zum ersten Male ein nichtadliger Gutsherr. Pistorius wurde damit zugleich in die noch bestehenden Herrschaftselemente einbezogen. Er wurde Kirchen- und Schulpatronat, ausgestattet u.a. mit Polizeigewalt und Fischereigerechtigkeit, schließlich 1823 auch Verantwortlicher für die Durchführung der Separation, d.h. die Ablösung der Feudallasten. Er kümmerte sich um die Erneuerung des Kirchenbaus, die Verbesserung der Straßenverhältnisse und die Modernisierung der Ortssatzung. Sein Hauptaugenmerk galt jedoch der Landwirtschaft. Er nahm Verbindung mit dem Schlosser Heinrich Eckert auf, der in der Landsberger Straße in Berlin eine Werkstatt besaß. Gemeinsam entwickelten sie bessere Pflüge; der anerkannt gute Ruf von Eckerts aus dieser Zusammenarbeit entstandener  Maschinenfabrik trifft somit zu einem guten Teil auch Pistorius. Im Dorf war er eine geachtete Person. Ein zeitgenössischer Chronist berichtet, dass der Gutsherr schon „früh um 4 oder 5 über die Felder geht, wo man von weitem sein langes weißes Haar über einen Feldschlag herüberblitzen sieht. Oftmals tritt er seine Morgenparade nur im Schlafrock und Pantoffeln an, in jüngeren Jahren mit einer kurzen Pfeife.“
Am 27. Oktober 1858 verstarb Pistorius. Beigesetzt wurde er im - heute nicht mehr vorhandenen - Erbbegräbnis auf dem Friedhof neben der Pfarrkirche. Der Nachruf, der ihm als Gutsherrn und langjährigem Mitglied des Kreistages gewidmet wurde, hebt besonders hervor, dass sein Wirken für Preußen bedeutsam war und so weit über den Kreis hinaus Achtung verdiente. Auf dem Gelände des Gutes entstand nach 1872 eine vorstädtische Siedlung, die 1880 bis 1905 mit dem Namen Neu-Weißensee selbständig wurde. Eine der wichtigen Straßenverbindungen, die auf diesem Terrain entstand, wurde 1875 für öffentlich erklärt und der für sie zuvor bereits gewählte Name Pistoriusstraße amtlich bestätigt. Die früheren „Gänsewiesen“ erhielten nach Abschluss der Bebauung im April 1931 den Namen Pistoriusplatz. Beide sind seither Bestandteile des Weißenseer >Gründerviertels<.